Vielschichtige Sorgen bei Almauftrieb
©Steirischer Schaf- und Ziegenzuchtverband
Ing. Gerhard Fallent (Obmann von Wolfstopp), Peter Kettner (Kammerobmann BK Liezen), Bernhard Tasotti (Obmann Steirischer Schaf- und Ziegenzuchtverband), ÖR Franz Titschenbacher (Präsident der Landwirtschaftskammer Steiermark), NRAbg. Andreas Kühberger, Bgm. Stefan Knapp (Gemeinde Haus im Ennstal), Carina Röder (Hauser Kaibling Seilbahnen) und Dr. Thomas Guggenberger (HBLFA Raumberg-Gumpenstein)
Für die 20 Schafbauern aus der Region bringt der Almauftrieb aber große Sorgen mit sich, denn nach dem jüngsten Wolfsangriff im Ennstal fürchten sie um das Wohl ihrer Tiere und sehen die traditionsreiche Almwirtschaft in Gefahr. Im Zuge eines Pressegesprächs demonstrierten Agrarexperten, Gemeinde-, Tourismus- und Branchenvertreter Einigkeit: Es braucht schnellstens Maßnahmen, um den Betrieben, welche ihre Tiere auf den Weiden und Almen halten, zu unterstützen. Neben der raschen Umsetzung der angekündigten Wolfsverordnung, die auch in der Steiermark eine rasche und unbürokratische Entnahme von Problemwölfen ermöglicht, braucht es ein Umdenken auf europäischer Ebene.
Ennstaler Almlämmerprojekt
Der Steirische Schaf- und Ziegenzuchtverband betreibt seit 2008 das „Ennstaler Almlämmerprojekt“. Dabei bewirtschaften rund 20 regionale Betriebe mit insgesamt rd. 700 Schafen und Lämmern über 500 ha an wertvollen Almflächen, die sowohl im Sommer als auch im Winter als wichtiges Erholungs- und Tourismusgebiet dienen. „Der Auftrieb der Schafe ist für uns als Hauser Kaibling Seilbahnen von großer Bedeutung“, erklärt Carina Röder von den Hauser Kaibling Seilbahnen, denn: „Neben der touristischen Attraktion erfüllen die Schafe eine sehr wichtige Funktion. Ihre Beweidung sorgt für eine ökologisch nachhaltige Pistenpflege, wodurch wir uns den Einsatz von schweren Maschinen ersparen und so unsere Pistenflächen umweltfreundlich bewirtschaften können.“
Bauern sorgen sich um ihre Tiere
Die Almwirtschaft verlangt von den Bauern sehr viel Einsatz ab, denn es müssen ständig Wege und Zäune sowie die Wasserversorgung für die Tiere kontrolliert und instandgesetzt werden. Zunehmend Sorgen bereitet den Bäuerinnen und Bauern jedoch die Rückkehr der Wölfe. „Hier wird der Schutz eines Tieres, dessen Auftreten in vielen Ländern Europas zu massiven Problemen führt, über alles andere gestellt: über die Arbeit der Bauern, über das Wohl unserer Tiere, über die Erhaltung unserer wunderschönen Kulturlandschaft und über den Wert des Lebensraumes Alm“, klagt Bezirkskammerobmann Peter Kettner, dem es insbesondere auch um das Wohl der Almtiere geht. Auch die Schäfer Lena Dabrowski und Bastian Knabl, die für die Tiere den Sommer über verantwortlich sind, machen sich Sorgen: „Viele Bauern haben im Falle von Übergriffen schon angekündigt, ihre Tiere ins Tal zu treiben. Eine große Herausforderung sei insbesondere auch die Betreuung der Tiere nach
Übergriffen: Die Herden sind versprengt, die Tiere sind hoch nervös, verlieren frühzeitig ihre Lämmer, fressen nicht mehr ruhig und sind somit kaum organisiert zu betreuen.“
Almen sind Seelenschutzgebiete
Die vielseitigen und damit sehr attraktiven Almgebiete werden von heimischen Gästen und vielen Touristen sehr gerne aufgesucht. „Unsere Almen sind Seelenschutzgebiete“, bringt es Anton Hafellner, der Obmann des steirischen Almwirtschaftvereins auf den Punkt, „sie wirken wohltuend auf Körper, Geist und Seele, wodurch sie in viel kürzerer Zeit richtig zur Entspannung und Erholung beitragen.“ Sorgen um den Tourismus sowie die Ängste in der Bevölkerung macht sich auch der Hauser Bürgermeister Stefan Knapp: „Unsere schöne Tourismusregion ist untrennbar mit der Land- und Almwirtschaft verbunden. So ist die Besorgnis über die Rückkehr des Wolfes und den damit leider verbundenen Attacken auf unsere Nutztiere groß. Die Almschafe sind für den Tourismus Werbeträger. Noch sind es Angriffe auf Nutztiere, aber besteht nicht auch die Gefahr für Kinder oder Haustiere? Wer trägt die Verantwortung, wenn etwas passiert? Der Gesetzgeber muss für die Sicherheit von Mensch und Tier schnell handeln.“
Sorge um Almwirtschaft und Biodiversität
Die Auswirkungen einer Nicht-Bewirtschaftung der Almen sind viel weitreichender als vermutet, bestätigt Dr. Thomas Guggenberger von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein, denn bewirtschaftete Almen bieten vielen Tier- und Pflanzenarten einen perfekten Lebensraum: „Die Rückkehr der großen Beutegreifer schädigt den Artenschutz, weil der Rückzug des Menschen aus den Alpen zwar oft zu einer natürlicheren, aber artenärmeren Natur führt.“ Guggenberger verweist insbesondere darauf, dass sich die FFH-Richtlinie nicht an der Ausgewogenheit von Ökosystemleistungen orientiert, sondern einzig und allein auf den Artenschutz. Der Preis für diese falsche Zielsetzung sei eine Schädigung aller bestehenden Ökosystemleistung, wie etwa den Erhalt der Kulturlandschaft und der Biodiversität, der Nahrungsmittelsicherheit, der Klimastabilität und der Reduktion von Naturgefahren. „Was in einem Nationalpark bei intensiver ökonomischer und kommunikativer Betreuung möglich ist, wird bei einer kalten Enteignung wirtschaftlicher Sektoren den Zorn der Gesellschaft entfachen“, so Guggenberger.
Herabsetzung des Schutzstatus der Wölfe
Eine generelle Herabsetzung des Schutzstatus beim Wolf in der EU fordern die steirischen Bauernvertreter Landesrat Hans Seitinger, Kammerpräsident Franz Titschenbacher und EU- Abgeordnete Simone Schmiedtbauer. Unterstützung kommt auch von 16 EU-Agrarministern, die sich auf Initiative von Bundesminister Norbert Totschnig für eine Überarbeitung des Wolfsschutzes stark machen. Völlig unverständlich ist der strenge EU-weite Schutzstatus des Wolfes vor allem auch deshalb, weil diese Regelung zumindest 30 Jahre alt ist und es damals in Österreich keine Wölfe gab.
„Der vor 30 Jahren einzementierte Schutzstatus ist bei 20.000 Wölfen in der EU nicht mehr zeitgemäß!“, betont auch Landwirtschaftskammerpräsident Franz Titschenbacher. Dass es Änderungen auf europäischer Ebene braucht, bekräftigt auch der Obmann des Steirischen Schaf- und Ziegenzuchtverbandes, Bernhard Tasotti, der die Umweltministerin in die Pflicht nimmt: „Die letzten Aussagen von Leonore Gewessler zeigen, dass keine Bereitschaft besteht, eine konstruktive Lösung zu finden. Es liegt somit jeder einzelne Riss in ihrer persönlichen Verantwortung!“ Als selbst betroffener Schafzüchter weiß Tasotti vom letzten Wolfsangriff auf seine Herde zu berichten: Noch zu sehr liegt ihm das Schreien der Lämmer nach ihren gerissenen Müttern in den Ohren wie das Schreien der Mütter, die nach ihren gerissenen Lämmern schreien!
Herdenschutz allein ist keine Lösung
Im alpinen Raum ist wegen des unwegsamen Geländes ein Schutz von Weidetieren durch Hunde sowie teure Zäune und deren kostspielige Instandhaltung nicht möglich. Gerhard Fallent, Obmann von Wolfstopp, erläutert: „Almen sind aus technischen und finanziellen Gründen und wegen der Nutzungskonflikte (Wildtiere, Tourismus, etc.) weitgehend nicht einzäunbar. Auch den Einsatz von Herdenschutzhunden sehen wir sehr kritisch, weil allein 2020 in der Schweiz 30 Bissattacken von Herdenschutzhunden gegen Wanderer dokumentiert wurden. Zudem verstößt ihre Haltung gegen geltendes Tierschutzrecht und es stehen auch nicht ausreichend zertifizierte Hunde zur Verfügung.“ Für jene Bereiche, wo der Einsatz von Herdenschutzzäunen, einen wirksamen Schutz vor Wolfsangriffen bietet, wird vom Land Steiermark eine Förderung eingerichtet, aber Herdenschutzmaßnahmen allein können nicht der richtige Weg sein, so der Tenor der Agrarexperten.
Wolfsverordnung muss rasch umgesetzt werden
Bei ganzheitlicher Betrachtung führt die derzeitige Lage mit dem exponentiellen Wachstum der Wolfpopulation und fehlenden Regulierungsmöglichkeiten zu ernsten Schäden für die Artenvielfalt, den Tourismus, die Landwirtschaft und schlussendlich die gesamte Gesellschaft. Solange der EU-weite Schutzstatus der Wölfe nicht herabgesetzt wird, muss eine pragmatische Lösung zur Entnahme von Problemwölfen ermöglicht werden. „Mit der vom Land Steiermark angekündigten Wolfverordnung ist der Weg dafür frei und eine Lösung in Sicht“, betont Präsident Franz Titschenbacher. Ins selbe Horn stößt Nationalratsabgeordneter Andreas Kühberger, der mehr Tempo bei der Umsetzung einfordert:
„Hier nicht zu handeln ist fahrlässig! Die Zeit drängt! Wir brauchen auch in der Steiermark so schnell wie möglich die von Landesrätin Lackner angekündigte Wolfsverordnung nach Vorbild Kärntens. Jetzt muss rasch gehandelt werden, damit es bei Angriffen auf Nutztiere, oder nach wiederholtem Auftreten eines Wolfes in Siedlungsnähe, rasch zu einer Entnahme kommen kann.“
Zahlen, Daten und Fakten
- zur Almwirtschaft
- in der Steiermark
- 000 Almen und Bergweiden
- 300 Bauernfamilien als Bewirtschafter
- 000 Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen auf den steirischen Almen
- im Bezirk Liezen
- in der Steiermark
- über 000 Rinder und
- rund 000 Schafe verbringen den Sommer auf der Alm
- zur Verbreitung der Wölfe
- Aktuell leben in Europa rund 000 Wölfe
- Die Population verdoppelt sich alle 3 Jahre (exponentielles Wachstum)
- Opferzahlen von Wolfsangriffen
- 2022 fielen in Österreich – vorwiegend in Kärnten, Tirol und Salzburg 1780 Nutztiere der Wolfs- und Bärenpräsenz zum Opfer.