Dramatische Nacht am Dachstein
Mehr als 35 alpine Einsatzkräfte, dichter Nebel, Wind, ein gefährlich zerklüfteter Gletscher und zwei Verunglückte tief im Eis: Nach einem folgenschweren Spaltensturz am Dachstein kämpften Bergretter die gesamte Nacht hindurch um die sichere Bergung zweier Klettersteiggeher. Erst nach rund 13 Stunden konnte der außergewöhnlich anspruchsvolle Einsatz beendet werden.
RAMSAU AM DACHSTEIN. Es war ein Einsatz, der den Bergretterinnen und Bergrettern alles abverlangte: alpine Erfahrung, technisches Können, körperliche Ausdauer und vor allem perfekte Zusammenarbeit. Am Samstagabend, 5. September 2026, waren zwei Klettersteiggeher beim Abstieg am Dachstein ausgerutscht und rund 100 Meter über den Gletscher abgestürzt. Ihr Sturz endete in einer großen Gletscherspalte im Bereich der Dachstein-Randkluft.
Eine Person befand sich rund 15 Meter, die zweite sogar etwa 20 Meter tief im Eis. Für die Einsatzkräfte begann ein Wettlauf gegen Kälte, Dunkelheit und immer schlechter werdendes Wetter.
Suche im Nebel
Um 17.35 Uhr alarmierte die Landeswarnzentrale Steiermark die Bergrettung Ramsau. Zunächst wurde der Unfallort im Bereich nahe der Seethalerhütte vermutet. Doch trotz intensiver Rufe konnten die beiden Verunglückten dort nicht gefunden werden.
Die Retter stiegen deshalb über den stark zerklüfteten und von zahlreichen Spalten durchzogenen Gletscher weiter in Richtung Dachstein-Randkluft auf. Erst weiter oben gelang es, die beiden Personen zu lokalisieren.
Damit begann der technisch besonders schwierige Teil des Einsatzes.
Meter für Meter durch gefährliches Gletschergelände
Das extrem spaltenreiche Gelände machte bereits den Zugang zur Unfallstelle zu einer Herausforderung. Die Retter mussten ihren Weg Stück für Stück absichern, Seilsicherungen aufbauen und zahlreiche Eisschrauben setzen. Jeder Schritt musste sitzen – denn auch für die Einsatzmannschaften bestand in diesem Gelände erhebliche Absturz- und Spaltengefahr.
Unterstützung erhielt die Bergrettung Ramsau von Alpinpolizisten sowie weiteren Kräften der Bergrettung Steiermark, die sich aufgrund einer Fortbildung in der Nähe befanden. So wuchs die Mannschaft auf mehr als 35 alpine Retter an.
Was folgte, war eine beeindruckende Gemeinschaftsleistung unter schwierigsten hochalpinen Bedingungen.
Hubschrauber durch dichten Nebel ausgebremst
Auch die Crew des ÖAMTC-Notarzthubschraubers Christophorus 14 unterstützte den Einsatz mit einem Flugretter und einer Notärztin. Der immer dichter werdende Nebel machte einen direkten Anflug zur Unfallstelle jedoch unmöglich. Zusätzlich wurde ein Polizeihubschrauber für Shuttleflüge eingesetzt.
Mit zunehmender Verschlechterung des Wetters mussten weitere Einsatzkräfte und dringend benötigtes Material über die Gondel der Dachsteingletscherbahnen und anschließend über den Gletscher zur Einsatzstelle gebracht werden.
Eine wichtige Rolle spielten dabei die Dachsteingletscherbahnen: Durch die Bereitstellung der Infrastruktur und die Unterstützung der Rettungsmannschaften leistete das Team einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen des nächtlichen Großeinsatzes.
Zwei Menschen aus der Tiefe des Eises gerettet
Schließlich gelang den Bergrettern die entscheidende Phase: Beide Verunglückten konnten aus der tiefen Gletscherspalte geborgen werden.
Doch damit war der Einsatz noch lange nicht beendet.
Beide Personen waren bereits stark unterkühlt und mussten unmittelbar medizinisch versorgt werden. Wärmeerhalt und notfallmedizinische Betreuung hatten nun höchste Priorität. Gleichzeitig mussten die Einsatzkräfte bereits die nächste schwierige Aufgabe vorbereiten: den Transport durch das steile und gefährliche Gletschergelände.
Die beiden Geretteten wurden unter Begleitung der Bergretter über die steile Gletscherpassage talwärts abgeseilt. Erst nach diesem aufwendigen, vollständig seilgesicherten Abstieg war eine Übergabe an weitere Rettungstrupps beziehungsweise einen Hubschrauber möglich.
Schwerverletzter erst um 3.30 Uhr ausgeflogen
Eine Person hatte leichte Verletzungen erlitten. Sie konnte mit einem Pistengerät abtransportiert und anschließend mit der Gondel der Dachsteingletscherbahnen ins Tal gebracht werden. Dort erfolgte die Übergabe an das Rote Kreuz Schladming.
Deutlich schwieriger gestaltete sich die Rettung der zweiten, schwer verletzten Person. Dichter Nebel und Wind verhinderten lange Zeit eine sichere Übergabe an den nachalarmierten Rettungshubschrauber RK1.
Erst gegen 3.30 Uhr in der Nacht waren die Bedingungen so weit gegeben, dass der Schwerverletzte übernommen und zur weiteren medizinischen Versorgung in das Unfallkrankenhaus Salzburg geflogen werden konnte.
Fast 13 Stunden im Einsatz
Für die Bergrettung Ramsau endete die außergewöhnliche Rettungsaktion erst am Sonntagmorgen um 6.40 Uhr – mehr als 13 Stunden nach der Alarmierung.
Der nächtliche Einsatz am Dachstein zeigte eindrucksvoll, was Bergrettung unter Extrembedingungen bedeutet. Während andere bei Dunkelheit, Nebel, Wind und einem von Gletscherspalten durchzogenen Gelände kaum noch sicher vorankommen könnten, arbeiteten sich die Retter über Stunden hinweg zu den Verunglückten vor, sicherten das Gelände, bargen die beiden Personen aus der Tiefe und brachten sie schließlich über die gefährliche Gletscherpassage in Sicherheit.
Dieser Einsatz war weit mehr als eine technisch schwierige Bergung: Er war eine beeindruckende Leistung von Menschen, die ehrenamtlich dorthin gehen, wo andere dringend Hilfe brauchen – auch mitten in der Nacht, bei dichtem Nebel und unter Bedingungen, die höchste Konzentration und alpine Erfahrung verlangen.
Besonders hervorgehoben wurde die kameradschaftliche Zusammenarbeit der zahlreichen Bergretterinnen und Bergretter aus Ramsau und den unterstützenden Ortsstellen. Gerade während eines derart langen, kräftezehrenden und technisch anspruchsvollen Einsatzes zeigte sich, wie entscheidend Ausbildung, Erfahrung, Vertrauen und Zusammenhalt innerhalb der Bergrettung sind.
Die Bergrettung Steiermark bedankte sich abschließend bei allen beteiligten Einsatzorganisationen, den Hubschrauberbesatzungen, den Alpinpolizisten sowie dem Team der Dachsteingletscherbahnen für die professionelle Zusammenarbeit.
Am Ende einer langen Nacht stand das Wichtigste: Beide Verunglückten konnten lebend aus dem Eis des Dachsteins gerettet werden.



