Wenn Asphalt zum Hitzespeicher wird

Wenn Asphalt zum Hitzespeicher wird AI
Österreichs Bodenversiegelung verschärft die Hitze 

Österreich erlebt 2026 einen außergewöhnlich heißen Sommer. Temperaturen nahe der 40-Grad-Marke, Tropennächte und lange Hitzeperioden belasten Menschen und Natur. Neben dem globalen Klimawandel spielt dabei vor allem in Städten und dicht verbauten Gebieten ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle: die zunehmende Versiegelung unserer Böden. Asphalt, Beton, Parkplätze und Gebäude speichern Wärme – und verhindern gleichzeitig, dass Regenwasser versickern und durch Verdunstung für natürliche Kühlung sorgen kann.

Österreich zählt zu jenen europäischen Ländern, in denen der Umgang mit Boden seit Jahren intensiv diskutiert wird. Dabei muss allerdings zwischen Flächeninanspruchnahme und Bodenversiegelung unterschieden werden.

Flächeninanspruchnahme bedeutet, dass natürliche oder landwirtschaftlich nutzbare Flächen beispielsweise für Siedlungen, Straßen, Gewerbegebiete, Freizeitflächen oder Infrastruktur verwendet werden. Versiegelt ist eine Fläche erst dann, wenn sie tatsächlich mit weitgehend wasser- und luftundurchlässigem Material wie Beton oder Asphalt bedeckt wurde.

Nach den aktuellsten Zahlen des Umweltbundesamtes waren 2025 in Österreich insgesamt 5.681 Quadratkilometer Fläche in Anspruch genommen. Das entspricht rund 6,8 Prozent der gesamten Staatsfläche. Besonders aussagekräftig ist allerdings der Dauersiedlungsraum – also jener Teil Österreichs, der aufgrund von Bergen, Wäldern und anderen geografischen Gegebenheiten überhaupt dauerhaft für Siedlungen geeignet ist. Von diesem sind bereits 17,4 Prozent beansprucht.

Zwischen 2022 und 2025 kamen durchschnittlich 6,5 Hektar pro Tag hinzu. Das entspricht jährlich rund 2.373 Hektar neuer Flächeninanspruchnahme. Rund drei Viertel der neu beanspruchten Flächen entfielen auf Siedlungszwecke.

Mehr als die Hälfte der beanspruchten Fläche ist versiegelt

Die jüngsten österreichweit verfügbaren Detaildaten zur tatsächlichen Versiegelung stammen aus dem Jahr 2022. Damals waren laut Umweltbundesamt 53 Prozent der bereits beanspruchten Fläche vollständig versiegelt.

Das bedeutet: Rund 3,5 Prozent der gesamten Fläche Österreichs beziehungsweise 9,1 Prozent des Dauersiedlungsraumes waren mit wasser- und luftundurchlässigen Oberflächen bedeckt. Neue österreichweite Versiegelungsdaten für den Zeitraum 2022 bis 2025 sollen aufgrund der aufwendigeren Erhebungsmethode erst 2028 vorliegen.

Besonders stark fällt ins Gewicht, dass große Teile des österreichischen Staatsgebietes aufgrund der Alpen für Siedlungen kaum oder gar nicht zur Verfügung stehen. Gebäude, Straßen, Parkplätze und Gewerbegebiete konzentrieren sich daher in Tälern, Becken und Ballungsräumen – genau dort, wo auch ein großer Teil der Bevölkerung lebt.

Österreich im europäischen Vergleich

Die oft verwendete Behauptung, Österreich sei uneingeschränkt „Europameister beim Bodenverbrauch“, lässt sich mit den neuen vergleichbaren Daten so nicht bestätigen.

Nach einer vom Umweltbundesamt angeführten europäischen Untersuchung liegt Österreich bei der Flächeninanspruchnahme im Vergleich von 32 europäischen Staaten auf Platz elf und damit ungefähr im Bereich des EU-Durchschnitts. Besonders hohe Werte wurden unter anderem für Litauen, Frankreich, Irland und Portugal festgestellt.

Für die tatsächliche Bodenversiegelung zeigen Daten der Europäischen Umweltagentur EEA, dass 2018 innerhalb der EU-27 rund 110.700 Quadratkilometer oder 2,7 Prozent des gesamten EU-Gebietes versiegelt waren. Zwischen 2006 und 2018 nahm die versiegelte Fläche in der Europäischen Union nochmals um rund 3.600 Quadratkilometer beziehungsweise 3,4 Prozent zu.

Die Zahlen verschiedener Erhebungen sind allerdings nur eingeschränkt direkt miteinander vergleichbar, da Österreich inzwischen eine wesentlich detailliertere nationale Berechnungsmethode verwendet.

Warum Asphalt Hitze verstärkt

Gerade während Hitzewellen zeigt sich ein entscheidender Nachteil versiegelter Flächen.

Ein natürlicher, bewachsener Boden kann Wasser aufnehmen und speichern. Pflanzen nehmen einen Teil davon wieder auf und geben es über ihre Blätter an die Umgebung ab. Auch aus dem Boden verdunstet Wasser. Für diese Verdunstung wird Energie benötigt – dadurch wird die Umgebung gekühlt.

Eine asphaltierte Straße oder ein betonierter Parkplatz kann das nicht.

Dunkle Oberflächen können sich bei intensiver Sonneneinstrahlung stark aufheizen und speichern einen Teil dieser Energie über Stunden. Am Abend und während der Nacht wird die Wärme wieder abgegeben. Dadurch kühlen dicht verbaute Siedlungen deutlich langsamer ab als Wiesen, Wälder oder andere Grünflächen.

Die Europäische Umweltagentur bezeichnet Bodenversiegelung ausdrücklich als einen Faktor bei der Entstehung beziehungsweise Verstärkung städtischer Hitzeinseln.

Gerade die nächtliche Abkühlung ist für den menschlichen Körper entscheidend. Bleiben Wohnungen, Straßen und Gebäude nachts warm, steigt die gesundheitliche Belastung.

Der Sommer 2026 zeigt, was Hitze bedeutet

Wie außergewöhnlich die aktuelle Entwicklung ist, zeigte bereits die Hitzewelle im Juni 2026.

Sie dauerte in Österreich rund 14 Tage. An etwa der Hälfte der 277 Wetterstationen der GeoSphere Austria wurden mindestens 35 Grad gemessen. An 46 Stationen erreichte das Thermometer mindestens 38 Grad, an 15 Stationen sogar 39 Grad oder mehr. Insgesamt wurden an 157 Wetterstationen neue Juni-Höchstwerte registriert.

Besonders problematisch waren die Nächte. In der Nacht auf den 29. Juni verzeichneten 94 Messstationen eine Tropennacht, bei der die Temperatur nicht unter 20 Grad sank. Auf der Wiener Jubiläumswarte wurde mit einer Tiefsttemperatur von 27,3 Grad sogar ein neuer österreichischer Rekord für die wärmste Nacht registriert.

Anfang August folgte erneut extreme Hitze. GeoSphere Austria gab für Wien, das Weinviertel, das nördliche Burgenland, das Wiener Becken und St. Pölten zeitweise sogar die höchste Hitzewarnstufe Rot aus. Wegen der starken Wärmebelastung empfahlen die Meteorologen ausdrücklich, stark verbaute und versiegelte Plätze ohne Schatten zu meiden.

Damit wird deutlich: Die Bodenversiegelung verursacht eine Hitzewelle nicht. Die großräumige Erwärmung und die zunehmende Häufigkeit beziehungsweise Intensität extremer Hitze sind vor allem Folgen des menschengemachten Klimawandels. Versiegelte Flächen können die Auswirkungen dieser Hitze vor Ort jedoch erheblich verstärken.

Bei Starkregen entsteht das gegenteilige Problem

Der gleiche Asphalt, der bei Sonnenschein Wärme speichert, wird bei Gewittern zum Problem für das Wasser.

Auf einer Wiese oder in einem Wald kann ein erheblicher Teil des Niederschlags im Boden versickern. Auf Straßen, Dächern oder Parkplätzen läuft das Wasser dagegen praktisch sofort oberflächlich ab.

Je größer die versiegelte Fläche ist, desto schneller gelangt bei Starkregen eine große Wassermenge gleichzeitig in Kanalisationen, Bäche und Flüsse.

Die Europäische Umweltagentur weist deshalb darauf hin, dass zunehmende Versiegelung sowohl die Gefahr lokaler Überschwemmungen als auch die Folgen von Starkregen verstärken kann. Gleichzeitig verliert der Boden wichtige ökologische Funktionen: Wasser speichern, Kohlenstoff binden, Lebensraum bereitstellen und durch Verdunstung die Umgebung kühlen.

So entsteht ein scheinbares Paradoxon: In längeren Trocken- und Hitzeperioden fehlt Wasser im Boden – bei Starkregen kann gleichzeitig zu viel Wasser innerhalb kürzester Zeit oberflächlich abfließen.

Jeder Baum und jeder Quadratmeter Grünfläche zählt

Die Antwort auf dieses Problem besteht nicht darin, überhaupt nicht mehr zu bauen. Entscheidend ist vielmehr, wo und wie gebaut wird.

Ortskerne nachzuverdichten, leerstehende Gebäude wiederzuverwenden, bestehende Gewerbeflächen umzunutzen und bereits verbaute Grundstücke besser zu nutzen, kann den Bedarf an neuen Flächen deutlich reduzieren.

Gleichzeitig gewinnt die Entsiegelung bestehender Flächen zunehmend an Bedeutung. Große Parkflächen können beispielsweise teilweise mit wasserdurchlässigen Belägen ausgestattet werden. Bäume, Grünstreifen, begrünte Dächer und Fassaden sowie offene Bachläufe können Städte und Gemeinden im Sommer messbar angenehmer machen.

Auch kleinere Gemeinden und ländliche Regionen sind davon betroffen. Gerade in alpinen Tälern wie dem Ennstal konzentrieren sich Wohngebiete, Betriebe, Einkaufszentren und Verkehrsachsen auf vergleichsweise schmale, ebene Flächen.

Dadurch konkurrieren Landwirtschaft, Wohnbau, Wirtschaft, Verkehr, Hochwasserschutz und Natur auf begrenztem Raum miteinander.

Boden wird zur Klimafrage

Der Schutz unversiegelter Böden ist deshalb längst nicht mehr ausschließlich eine Frage von Landwirtschaft oder Naturschutz.

Er ist auch Hitzeschutz, Hochwasserschutz, Klimaanpassung und letztlich Gesundheitsschutz.

Österreich hat den täglichen Flächenverbrauch in den vergangenen Jahren bereits reduziert. Mit durchschnittlich 6,5 Hektar neuer Flächeninanspruchnahme pro Tag liegt das Land aber weiterhin deutlich über dem politisch angestrebten Zielwert von 2,5 Hektar pro Tag.

Die extremen Hitzewellen des Sommers 2026 zeigen dabei sehr anschaulich, warum jeder unversiegelte Quadratmeter an Bedeutung gewinnt.

Denn ein Boden, der heute mit Asphalt oder Beton bedeckt wird, kann morgen kein Regenwasser aufnehmen, keine Pflanzen versorgen und keine Umgebung mehr durch Verdunstung kühlen.

In Zeiten zunehmender Hitze und immer häufiger auftretender Wetterextreme wird Boden damit zu einer der wertvollsten Ressourcen, die Österreich besitzt.

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