Wie gut lebt es sich 2026 im Bezirk?

Wie gut lebt es sich 2026 im Bezirk? © BLO24
Paradies mit Problemen

Berge, Seen, Natur und eine Lebensqualität, um die uns viele beneiden. Der Bezirk Liezen gehört zweifellos zu den schönsten Regionen Österreichs. Doch wer hier lebt, weiß auch: Die Postkartenidylle hat ihre Schattenseiten. Ärztemangel, lange Wege, Verkehr, steigende Kosten, Abwanderung und schwierige Kinderbetreuung stellen die Region vor große Herausforderungen. BLO24 wirft einen Blick hinter die schöne Kulisse.

Ein riesiger Bezirk – und genau das ist Fluch und Segen

Vom Ausseerland über das Ennstal und Paltental bis ins Gesäuse und an die steirische Eisenstraße erstreckt sich eine Region, deren landschaftliche Vielfalt außergewöhnlich ist.

Doch die Dimensionen sind gewaltig: Der Bezirk Liezen umfasst rund 3.319 Quadratkilometer und hatte Anfang 2025 rund 79.600 Einwohner. Damit leben im Durchschnitt lediglich etwa 24 Menschen auf einem Quadratkilometer.

Was für Urlauber Ruhe und Natur bedeutet, bringt für die Bevölkerung weite Wege mit sich. Arzt, Arbeitsplatz, Schule, Behörde oder Einkaufsmöglichkeit liegen eben nicht überall ums Eck.

Die Bevölkerung wird älter

Eine der größten Herausforderungen kommt schleichend.

Zwischen 2002 und 2025 sank die Bevölkerungszahl im Bezirk Liezen um rund vier Prozent. Im gleichen Zeitraum wuchs die Bevölkerung der gesamten Steiermark um rund sieben Prozent, österreichweit sogar um etwa 14 Prozent.

Besonders auffällig ist die Altersstruktur: 2025 waren 25,1 Prozent der Bevölkerung im Bezirk Liezen 65 Jahre oder älter. Steiermarkweit waren es 22,1 Prozent.

Gleichzeitig lag der Anteil der unter 15-Jährigen bei nur 13 Prozent.

Das ist mehr als eine Statistik. Denn eine alternde Bevölkerung benötigt mehr medizinische Versorgung und Pflege. Gleichzeitig braucht die Region junge Menschen, Fachkräfte und Familien, damit Gemeinden, Vereine, Schulen und Betriebe langfristig funktionieren.

Gesundheitsversorgung wird zur entscheidenden Zukunftsfrage

Kaum ein Thema beschäftigt die Menschen derzeit stärker als die medizinische Versorgung.

Laut zuletzt veröffentlichten Angaben waren von 43 Planstellen für Allgemeinmedizin im Bezirk zwei unbesetzt. Wesentlich problematischer zeigt sich die Situation bei einzelnen Fachrichtungen: Beide Kassenstellen für Hautärzte waren unbesetzt, bei der Frauenheilkunde war lediglich eine Stelle besetzt. Bei den Kassenzahnärzten waren sieben von 26 Stellen unbesetzt.

Hinzu kommt die Altersstruktur der Ärzteschaft: Mehr als die Hälfte der Hausärztinnen und Hausärzte soll bereits älter als 55 Jahre sein.

Für eine Region mit enormen Entfernungen ist das besonders brisant.

Wenn Menschen für einen Facharzttermin weit fahren müssen oder lange auf einen Termin warten, bekommt der Begriff „wohnortnahe Versorgung“ eine völlig andere Bedeutung.

Gerade deshalb wird die zukünftige Entwicklung der Krankenhausstandorte und der niedergelassenen Versorgung für den Bezirk Liezen eine der zentralen politischen Fragen der kommenden Jahre sein.

Kinderbetreuung: Öffnungszeiten passen nicht immer zum Berufsleben

Auch junge Familien stehen vor Herausforderungen.

Im Betreuungsjahr 2024/25 gab es im Bezirk 70 institutionelle Kinderbetreuungseinrichtungen, in denen rund 2.360 Kinder betreut wurden.

Die Zahl alleine erzählt jedoch nur die halbe Geschichte.

Lediglich rund neun Prozent der Einrichtungen hatten mindestens bis 17 Uhr geöffnet. Im steirischen Durchschnitt waren es 28 Prozent. Nur 19 Prozent der Einrichtungen im Bezirk kamen auf Öffnungszeiten von neun Stunden oder mehr – steiermarkweit waren es 47 Prozent.

Für Eltern, die Vollzeit arbeiten, pendeln oder im Tourismus, Handel, Gesundheitswesen beziehungsweise in Schichtbetrieben beschäftigt sind, können solche Öffnungszeiten zum täglichen organisatorischen Problem werden.

Eine familienfreundliche Region braucht deshalb nicht nur Kindergartenplätze, sondern Betreuung, die zum tatsächlichen Arbeitsleben der Eltern passt.

Die B320 bleibt die Lebensader – und das Nadelöhr

Kaum eine Straße prägt den Bezirk so stark wie die B320.

Sie verbindet Arbeitsplätze, Tourismusorte und Gemeinden – gleichzeitig stehen Staus, Schwerverkehr und Verkehrssicherheit seit Jahrzehnten im Mittelpunkt der Diskussion.

Erst im Juli wurde bekannt, dass größere bauliche Maßnahmen im Bereich Liezen vorerst nicht umgesetzt werden sollen. Eine untersuchte Flyover-Lösung hätte laut Berechnungen an Werktagen lediglich rund 45 Sekunden Zeitgewinn pro Fahrtrichtung gebracht. Angesichts der hohen Kosten wurde das Projekt verworfen.

Damit bleibt aber die grundsätzliche Frage bestehen:

Wie soll der Verkehr im Ennstal in zehn oder zwanzig Jahren funktionieren?

Die Menschen brauchen Mobilität, die Wirtschaft braucht leistungsfähige Verkehrswege und der Tourismus gute Erreichbarkeit. Gleichzeitig wünschen sich die Bewohner weniger Belastung, mehr Sicherheit und lebenswerte Ortszentren.

Eine einfache Lösung gibt es nicht.

Wohnen im Urlaubsparadies

Auch der Wohnraum entwickelt sich zunehmend zu einer sozialen Frage.

Gerade in touristisch starken Regionen treffen unterschiedliche Interessen aufeinander: Einheimische benötigen leistbare Wohnungen, Arbeitnehmer brauchen Unterkünfte, Gemeinden wollen junge Familien halten und gleichzeitig sind Immobilien in attraktiven Tourismusregionen begehrt.

Ein schönes Panorama allein hilft einer jungen Familie wenig, wenn Wohnen, Energie, Mobilität und der tägliche Einkauf einen immer größeren Teil des Einkommens verschlingen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie viele Wohnungen gebaut werden.

Es geht darum, wer sich das Leben in der Region künftig noch leisten kann.

Gleichzeitig bietet der Bezirk etwas, das unbezahlbar ist

Bei aller Kritik wäre es falsch, den Bezirk Liezen schlechtzureden.

Ganz im Gegenteil.

Die Region besitzt eine Lebensqualität, von der Millionen Menschen in europäischen Ballungsräumen nur träumen können. Berge und Seen liegen vor der Haustür. Vereine, Feuerwehren, Rettungsorganisationen und ehrenamtliche Initiativen sorgen in vielen Gemeinden für einen außergewöhnlichen gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Dazu kommen starke Tourismusregionen, Industrie- und Gewerbebetriebe, Landwirtschaft, Handel und zahlreiche mittelständische Unternehmen.

Man kann morgens zur Arbeit fahren und wenige Stunden später auf einem Berg, an einem See oder mitten im Wald stehen.

Das ist ein Privileg.

Das Paradies darf seine Menschen nicht verlieren

Genau deshalb sollte sich der Bezirk Liezen nicht mit seiner Schönheit zufriedengeben.

Eine Region bleibt nicht alleine deshalb lebenswert, weil andere dort Urlaub machen möchten.

Sie bleibt lebenswert, wenn junge Menschen eine Zukunft sehen. Wenn Familien Wohnungen finden. Wenn Eltern Beruf und Kinder vereinbaren können. Wenn ältere Menschen medizinisch gut versorgt werden. Wenn Betriebe Mitarbeiter finden und wenn ein Arztbesuch nicht zur Tagesreise wird.

Der Bezirk Liezen steht deshalb vor einer entscheidenden Aufgabe:

Die außergewöhnliche Lebensqualität der Region muss auch im Alltag der Menschen ankommen.

Denn Berge können nicht abwandern. Seen werden nicht älter. Und der Dachstein braucht keinen Kindergartenplatz.

Die Menschen schon.

BLO24-Kommentar:

Der Bezirk Liezen ist ein Paradies. Aber ein Paradies ist kein Selbstläufer.

Wenn wir wollen, dass auch unsere Kinder und Enkel hier gerne leben, arbeiten und Familien gründen, müssen die Probleme angesprochen werden – ohne Schönfärberei, aber auch ohne unsere Heimat schlechter zu machen, als sie ist.

Wir haben eine der schönsten Regionen Österreichs.

Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass sie auch eine der lebenswertesten bleibt.

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