Das Wort zum Sonntag
- verfasst von Alfred Stadlmann
- Panoptikum
Liebe es, verlasse es, oder verändere es ..., tja, wenn das nur so einfach wäre wie es sich anhört. Aber eines steht fest: die Phase der Selbstreflexion kommt meist in der Lebensmitte. Dann geht der Mensch wieder auf die Suche nach seinem „Ich-selbst“, das er über die Jahre hinweg unter dem Vorwand „es-jedem-recht-machen-zu-wollen“ begraben hat. Dieses „recht-machen“ beginnt oft im Kleinen und erst spät bemerkt man, dass man seine eigenen Bedürfnisse über Jahre hintangestellt hat.
„Kannst du mir helfen, der Chef braucht das morgen früh?“ - Klar, kann ich.
„Kannst du die Ware noch übernehmen, ich habe einen Termin?“ – Klar, kann ich.
„Kannst du mich vertreten, meiner Frau geht´s nicht gut?“ – Klar, kann ich.
„Du, ich hätte morgen die Möglichkeit zu einem Tandemsprung, kannst ...“ – Klar, kann ich.
Es gäbe noch viele Szenarien, die man hier aufzählen könnte, in denen man sich selbst hintergeht, um einen anderen nicht zu verletzten, denn es gehört sehr viel Mut dazu - NEIN - zu sagen. Die Psychotherapeutin Mag. Elisabeth Lindner erklärt das so: „Die Angst vor Enttäuschung geht mit der Angst vor Ablehnung einher. Nicht mehr geliebt zu werden, wenn man nicht den Erwartungen anderer entspricht.“
Aber diese Liebe wird oft zu einem hohen Preis erkauft. Irgendwann wird der Punkt erreicht, an dem der eingeschlagene Weg nicht mehr stimmig ist. Der Wunsch sich zu verändern keimt auf, aber es gehört Mut dazu, diesen Schritt in einen neue, ungewisse Zukunft zu wagen, schließlich hängt ja die Existenz davon ab. Wer will schon gerne Haus und Hof verlieren, nur weil man kurzzeitig an sich selbst gedacht hat. Darum ist es wichtig vorher gründlich darüber nachzudenken. Es muss hinterfragt werden, ob Willensstärke und vorhandene Fähigkeiten ausreichen und man sollte die Vor- und Nachteile abwiegen, die ein wie auch immer gearteter Wechsel mit sich bringen könnte.
Sich selbst treu zu sein, treu zu bleiben, erfordert ein hohes Maß an Disziplin aber es ist wunderschön, einmal in sich hineinzuhorchen und der Mittelpunkt von sich-selbst zu sein. Die Komplexität der Wahrnehmungen und Gedankengänge, die einen Tag für Tag einlullen und von sich-selbst ablenken sind gewaltig, aber die Wahrnehmung von Unzufriedenheit ist Voraussetzung für den ersten Schritt des sich-verändern-wollens. Und es ist ein befreiendes Gefühl, nicht mehr den Ansprüchen anderer genügen zu müssen, sondern zu erkennen, was man selber will.



