Der Stein der Ägypten wieder sprechen ließ

Der Stein der Ägypten wieder sprechen ließ AI
Das Geheimnis von Rosetta

Er ist unscheinbar, dunkel und zerbrochen – und dennoch gehört er zu den bedeutendsten archäologischen Funden der Menschheitsgeschichte. Der Stein von Rosetta öffnete nach Jahrhunderten des Schweigens das Tor zur Welt der Pharaonen. Mit seiner Hilfe gelang es Forschern, die ägyptischen Hieroglyphen zu entschlüsseln und damit Tausende Jahre Geschichte wieder lesbar zu machen.

Mehr als 2.200 Jahre ist es her, dass im alten Ägypten ein Text in Stein gemeißelt wurde, dessen Bedeutung für die moderne Wissenschaft damals niemand erahnen konnte. Der heute weltberühmte Stein von Rosetta entstand im Jahr 196 vor Christus während der Herrschaft des jungen Pharaos Ptolemaios V.

Was den Stein so außergewöhnlich macht, ist nicht allein sein Alter. Entscheidend ist, dass darauf im Wesentlichen dieselbe Botschaft in drei unterschiedlichen Schriften festgehalten wurde: in ägyptischen Hieroglyphen, in demotischer Schrift – der damaligen ägyptischen Alltagsschrift – und in Altgriechisch.

Genau diese Kombination sollte fast zwei Jahrtausende später zu einem Schlüssel für die Geschichte werden.

Ein Zufallsfund verändert die Welt

Im Sommer 1799 befand sich Ägypten mitten im Machtkampf europäischer Großmächte. Napoleon Bonaparte hatte 1798 seinen Ägyptenfeldzug begonnen. Französische Soldaten arbeiteten nahe der Hafenstadt Raschid, die Europäer Rosetta nannten, an Befestigungsanlagen.

Dabei stießen sie im Juli 1799 auf eine dunkle Steinplatte, die offenbar als Baumaterial in einer älteren Mauer verwendet worden war. Der französische Offizier Pierre-François Bouchard erkannte, dass es sich um etwas Besonderes handeln musste.

Vor ihm lag ein Fragment einer antiken Stele aus Granodiorit. Der erhaltene Stein ist rund 112 Zentimeter hoch, 76 Zentimeter breit und 28 Zentimeter dick.

Doch sein wahrer Wert steckte nicht im Material.

Er steckte in den Zeichen.

Eine Sprache, die niemand mehr lesen konnte

Die großen Tempel, Gräber und Monumente Ägyptens waren übersät mit Hieroglyphen. Menschen, Tiere, Vögel, Augen, Schlangen und geheimnisvolle Symbole erzählten von Königen, Göttern, Kriegen, Leben und Tod.

Doch das Wissen darüber, wie diese Zeichen gelesen werden mussten, war über die Jahrhunderte verloren gegangen.

Die Monumente standen noch – aber ihre Stimmen waren verstummt.

Der Stein von Rosetta änderte alles.

Denn während die Hieroglyphen für die europäischen Gelehrten zunächst ein Rätsel blieben, konnten sie Altgriechisch lesen. Da auf dem Stein im Wesentlichen derselbe Erlass dreimal wiedergegeben wurde, hatten die Forscher plötzlich eine Art antikes Übersetzungswerkzeug vor sich.

Es begann eines der spannendsten wissenschaftlichen Wettrennen des 19. Jahrhunderts.

Thomas Young legt eine wichtige Spur

Der britische Universalgelehrte Thomas Young erkannte, dass bestimmte Hieroglyphen Lautwerte besitzen mussten. Besonders die Zeichen innerhalb sogenannter Kartuschen – Umrahmungen königlicher Namen – erwiesen sich als entscheidend.

Young konnte zeigen, dass einige Zeichen auf dem Rosetta-Stein Laute des Königsnamens Ptolemaios wiedergaben.

Doch der endgültige Durchbruch gelang einem Franzosen.

Champollion knackt den Code

Jean-François Champollion war geradezu besessen von den alten Sprachen Ägyptens. Entscheidenden Anteil an seinem Erfolg hatte seine Kenntnis des Koptischen, einer späten Entwicklungsstufe der ägyptischen Sprache.

Champollion erkannte schließlich, dass Hieroglyphen keineswegs nur Bilder für ganze Begriffe waren. Das ägyptische Schriftsystem war wesentlich komplexer: Zeichen konnten unter anderem Laute wiedergeben, während andere Zeichen Bedeutungen näher bestimmten.

Am 27. September 1822 präsentierte Champollion öffentlich seine bahnbrechenden Erkenntnisse zur Entzifferung. Dieser Moment gilt als entscheidender Meilenstein bei der Entschlüsselung der Hieroglyphen und als Geburtsstunde der modernen Ägyptologie.

Plötzlich begann das alte Ägypten wieder zu sprechen.

Was steht eigentlich auf dem Stein?

So spektakulär seine Wirkung auf die Wissenschaft war, so überraschend nüchtern ist der eigentliche Inhalt.

Der Stein erzählt keine geheimnisvolle Geschichte über Pyramiden, keinen Fluch eines Pharaos und verrät auch nicht das Geheimnis eines verschollenen Schatzes.

Bei dem Text handelt es sich um einen Priestererlass aus dem Jahr 196 v. Chr., der die Herrschaft und den Kult des damals jungen Königs Ptolemaios V. bekräftigte. Der König war bei seiner Thronbesteigung noch ein Kind; zum Zeitpunkt des Dekrets war er etwa 13 Jahre alt. Der Text sollte in bedeutenden Tempeln Ägyptens aufgestellt werden.

Gerade darin liegt eine der großen Ironien der Geschichte:

Ein Text, der ursprünglich politische und religiöse Herrschaft festigen sollte, wurde rund 2.000 Jahre später zum Schlüssel für eine ganze untergegangene Zivilisation.

3.000 Jahre Geschichte wurden wieder lesbar

Die Entschlüsselung hatte Folgen, deren Bedeutung kaum überschätzt werden kann.

Nun konnten Forscher Inschriften auf Tempelwänden, Statuen, Sarkophagen und Grabkammern tatsächlich lesen. Namen und Titel von Pharaonen konnten identifiziert, religiöse Vorstellungen verstanden und historische Ereignisse wesentlich genauer eingeordnet werden.

Der Durchbruch erschloss der modernen Forschung schriftliche Zeugnisse aus rund 3.000 Jahren ägyptischer Geschichte.

Aus geheimnisvollen Bildern wurden wieder Wörter.

Aus Namenlosen wurden Menschen.

Und aus stummen Mauern wurden historische Quellen.

Von Ägypten nach London

Auch die Geschichte des Steins selbst spiegelt die Machtkämpfe seiner Zeit wider. Nach der Niederlage der französischen Truppen in Ägypten gelangte der Stein aufgrund der Vereinbarungen nach der Kapitulation von Alexandria 1801 in britischen Besitz.

Seit 1802 wird er im British Museum in London ausgestellt. Lediglich während des Ersten Weltkriegs wurde das kostbare Stück zeitweise an einen bombensicheren Ort gebracht.

Heute gehört der Stein von Rosetta zu den berühmtesten archäologischen Objekten der Welt.

Ein zerbrochener Stein als Brücke durch die Jahrtausende

Der Stein von Rosetta ist kein gewaltiges Bauwerk wie die Pyramiden von Gizeh und kein mit Gold gefülltes Grab wie jenes des Tutanchamun.

Und vielleicht macht gerade das seine Geschichte so faszinierend.

Ein beschädigtes Stück Stein, das jahrhundertelang unbeachtet blieb und schließlich sogar als Baumaterial verwendet wurde, veränderte unser Verständnis einer der größten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte.

Der Stein von Rosetta öffnete keine Schatzkammer voller Gold. Er öffnete etwas viel Wertvolleres: die Tür zur Erinnerung einer Zivilisation.

Seit seiner Entschlüsselung können Menschen wieder lesen, was vor Jahrtausenden in Stein gemeißelt wurde. Könige, Priester, Götter und längst vergangene Ereignisse erhielten ihre Namen und ihre Geschichten zurück.

Ein Stein brachte eine verlorene Sprache zurück – und ließ das alte Ägypten nach Jahrhunderten des Schweigens wieder sprechen.

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